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Differenzierter Unterricht: Das Ende der Gleichmacherei

Von: Jonas Lanig
Jede Schulklasse präsentiert sich uns als ein Patchwork unterschiedlicher Stärken und Schwächen. Und obwohl Deutschland anders als andere Länder die Kinder oft schon nach der 4. Klasse auf verschiedene Schularten aufteilt, haben sich auch hier die Klassen in heterogene Lerngruppen verwandelt.Weil die Klassen und Kurse unterschiedlich zusammengesetzt sind und weil sich diese Unterschiede nicht einebnen lassen, bedarf es differenzierter Lernangebote. In heterogenen Lerngruppen ergibt es keinen Sinn, alle Schüler dasselbe lernen zu lassen. Hier sind Inhalte und Methoden gefordert, die den unterschiedlichen Begabungen und Neigungen gerecht werden. Und hier muss die Uniformität des Lernens einem differenzierten Angebot weichen.

„Hinter mir liegt der erste Elternsprechabend an der neuen Schule – ein Abend, dem ich mit vielen Erwartungen und mit mancher Befürchtung entgegen gesehen habe. Aber  nur vom äußeren Ablauf her haben sich meine Erwartungen erfüllt: Der Andrang ist so groß, dass ich die Eltern nach gerade mal zehn Minuten wieder aus dem Zimmer hinauskomplimentieren muss. Die Inhalte der Elterngespräche aber stellen alles auf den Kopf, was ich mir von diesem Abend erwartet und auf was ich mich vorbereitet habe. Denn nur ganz selten kommt es vor, dass mir eine Mutter schweigend gegenüber sitzt und von mir einen Bericht über die Noten, die Mitarbeit oder das Verhalten ihres Kindes erwartet. In den meisten Fällen sind es die Eltern, die mich in die Rolle der Zuhörerin drängen. Denn sie haben sich an diesem Elternsprechabend bei mir angemeldet, um mir etwas von den Befindlichkeiten ihrer Kinder zu erzählen. Jetzt weiß ich, dass Julian an Dyskalkulie leidet und dass sich Sophie mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche herumzuschlagen hat. Ich nehme zur Kenntnis, dass Klara unter Asthmaanfällen leidet und dass Pascal sein Stottern noch nicht ganz überwunden hat. Und ich bin darüber informiert, dass Laras Leistungen durch eine Wahrnehmungsstörung belastet sind und dass Alex demnächst auf eine mögliche Hochbegabung hin getestet werden soll. So viele Eltern, so viele Kinder, so viele Befindlichkeiten…“

Was hier eine junge Lehrerin ihrem Tagebuch anvertraut, bildet die pädagogische Situation in unseren Klassenzimmern ziemlich präzise ab: Denn auf den Schulbänken haben inzwischen Kinder Platz genommen, deren ganz persönliche Begabungen und Befindlichkeiten wir Lehrer angemessen zu würdigen haben. Jede Schulklasse präsentiert sich uns deshalb als ein Patchwork unterschiedlicher Stärken und Schwächen. Und obwohl Deutschland anders als andere Länder die Kinder oft schon nach der 4. Klasse auf verschiedene Schularten aufteilt, haben sich auch hier die Klassen in heterogene Lerngruppen verwandelt. In den Stundenentwürfen angehender Lehrkräfte wird oft über die uneinheitliche Zusammensetzung der Klassen und über die großen Unterschiede zwischen den Schülern geklagt. Dieser Hinweis dient gerne als Ausrede, wenn der Unterricht nicht so perfekt gelingt wie im Stundenentwurf vorgesehen. Dabei sollten sich solche Warnungen eigentlich längst erübrigt haben: Die Heterogenität ist inzwischen zum Normalfall geworden – und sollte deshalb nicht länger als Ausrede missbraucht werden.

Nur am Rande interessiert da die Frage, warum die Unterschiede zwischen den Schülern immer deutlicher hervortreten. Das könnte zum Beispiel daran liegen, dass

  • mit der Entwicklung hin zur Ein-Kind-Familie die Aufmerksamkeit der Eltern für die besonderen Möglichkeiten und Gefährdungen ihrer Kinder deutlich angestiegen ist.
  • auch wir Lehrer die Befindlichkeiten unserer Schüler viel sensibler wahrnehmen als die Lehrergenerationen vor uns.
  • heute viele Kinder die Regelschule besuchen, die man früher wegen ihres Handicaps auf eine Sonderschule abgeschoben hätte.
  • der Druck auf die Kinder immer weiter zunimmt und deshalb bestimmte Schwächen und Nachteile immer augenfälliger werden.
  • sich die Eltern stärker als früher mit ihren Kindern identifizieren und sich deshalb lieber auf irgendwelche Befindlichkeiten berufen als ihre Kinder als leistungsschwach oder verhaltens-auffällig abqualifizieren zu lassen.

Lange Zeit kannte man nur ein Rezept, um die heterogene Zusammensetzung der Schülerschaft auffangen zu können: das Prinzip der äußeren Differenzierung. Jedes Kind sollte sich über ein ausgeklügeltes System von Sortierung und Zuweisung schließlich unter seinesgleichen wieder finden: Der Sprachbegabte bei den Sprachbegabten, der Lernbehinderte bei den Lernbehinderten, der Verhaltensauffällige bei den Verhaltensauffälligen. Dabei begnügte man sich nicht damit, die Schüler auf die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium aufzuteilen. Auch innerhalb der bestehenden Schularten wurden immer neue Unterscheidungen und Differenzierungen eingezogen, wurde das Prinzip der äußeren Differenzierung immer weiter verfeinert – und das stets mit dem Hintergedanken, Schüler mit ähnlichen Stärken und Schwächen zusammenzufassen und daraus möglichst homogene Lerngruppen zu bilden. Entsprechend unübersichtlich gestaltet sich inzwischen die Schullandschaft mancher Bildungsländer. Das Beispiel des Freistaats Bayern belegt, wie weit das Prinzip der institutionellen Zellteilung dabei getrieben werden kann:

Hauptschule Realschule Gymnasium Förderschule
  • Regelhauptschule
  • M-Zug( mit 10. Klasse)
  • Praxisklassen (für praktisch begabte Schüler)
  • mathematisch-naturwissenschaftlich -technischer Bereich
  • wirtschaftlicher Bereich
  • musisch-gestaltender Bereich
  • hauswirtschaftlicher Bereich
  • sozialer Bereich
  • Sprachliches Gymnasium (Humanistisches Gymnasium)
  • Naturwissenschaftlich-technisches Gymnasium
  • Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Gymnasium
  • Musisches Gymnasium
mit den Förderschwerpunkten
  • Sehen
  • Hören
  • körperliche und motorische Entwicklung
  • geistige Entwicklung
  • Sprache
  • Lernen
  • emotionale und soziale Entwicklung

 

In der Konkurrenz mit anderen Bundesländern verweisen die Bayern immer wieder auf die guten Erfahrungen, die sie mit ihrem dreigliedrigen Schulsystem gemacht haben. Die Tabelle zeigt, dass daraus längst ein 20(!)-gliedriges Organisationsmonster geworden ist. Doch auch in einem derart aufgeblähten Schulsystem wird sich der Wunsch nach der Bildung homogener Lerngruppen nicht so leicht erfüllen lassen. So tummeln sich in den Klassen des M-Zugs der Hauptschule gescheiterte Gymnasiasten, die mit sich und der Welt ziemlich fertig sind – aber auch hochmotivierte Migrantenkinder, die sich über die Mittlere Reife einen Zugang zu höheren Bildungsweihen versprechen. Hier findet sich der Spätentwickler, bei dem der Knoten endlich geplatzt ist, neben dem Bildungsnomaden, der irgendwie noch einen schulischen Abschluss braucht. Den Lehrkräften bleibt es dann überlassen, dieses Bündel aus unterschiedlichen Biographien, Begabungen und Temperamenten zu einer homogenen Lerngruppe zu formen – eine Aufgabe, an der diese Lehrkräfte nur scheitern können.

Darüber hinaus umfasst das Programm der äußeren Differenzierung auch alle Maßnahmen, die über das Regelangebot des Unterrichts hinausgehen. Dabei kann eine Klasse aufgeteilt oder neu zusammengesetzt werden. Dabei können zusätzliche Kurse oder Seminare angeboten werden. Immer geht es darum, Schüler mit einem besonderen Förderbedarf zusammenzuziehen und sie auf einen möglichst einheitlichen Stand zu bringen. Hier ein Überblick über die geläufigsten Angebote:

Hochbegabtenklasse
Aus Schülern unterschiedlicher Schulen, die vom Schulpsychologen als hochbegabt eingestuft wurden, wird eine besondere Klasse gebildet.

Zusatzjahr
Schüler, die das Klassenziel nicht erreicht haben, werden in einer eigens zusammenstellten Klasse gemeinsam unterrichtet.

ABC-Kurse
Die Schüler werden ihrem Leistungsstand entsprechend unterschiedlich Niveaukursen zugewiesen, wobei die Kurse für jedes Kernfach neu zusammengesetzt werden.

Differenzierte Koedukation
In einzelnen Fächern wie Physik, Chemie oder Informatik werden Jungen und Mädchen getrennt unterrichtet.
Modulunterricht Eine Wochenstunde wird in den Nachmittagsunterricht ausgelagert, damit Schüler mit den gleichen Lernschwächen gemeinsam unterrichtet werden können.

Intensivierungsstunden
Die Klasse wird halbiert, damit der gelernte Stoff in einer überschaubaren Lerngruppe noch einmal vertieft und geübt werden kann.

Liftkurse
Schüler, die Defizite aus den vergangenen Schuljahren mit sich herumschleppen, bekommen die Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen.

„Deutsch als Zweitsprache“
Kinder aus Migrantenfamilien können ihre Sprachdefizite mit Hilfe eigens dafür ausgebildeter Lehrkräfte aufarbeiten.

Pluskurse
Besonders leistungsstarke Schüler belegen zusätzliche Wahlfächer zu besonders anspruchvollen Lerninhalten – von der nicht-euklidischen Geometrie bis zu amerikanischem Englisch.

„Lernen lernen“
Schüler, die immer wieder an einer falschen Lern- und Arbeitsmethodik scheitern, holen das Versäumte am Nachmittag nach.

Lernwerkstätten
Einzelne Lehrer halten sich am Nachmittag für die Schüler bereit – falls diese den aktuellen Stoff versäumt oder nicht verstanden haben.

„Gegensteuern“
Schüler, deren Versetzung gefährdet ist, werden zu einem Seminar eingeladen, um ihr Lern- und Arbeitsverhalten zu korrigieren – und anschließend persönlich weiter betreut.

Manche dieser Angebote sind durchaus sinnvoll: So blühen manche Mädchen auf, wenn sie sich in den naturwissenschaftlichen Fächern nicht länger gegen die Übermacht der Jungs behaupten müssen. Und es tut den Betroffenen gut, wenn sie in einem Seminar für versetzungsgefährdete Schüler einmal zusammen mit anderen über die Gründe ihres aktuellen Leistungstiefs nachdenken können. Andere Angebote sind zwar gut gemeint, haben aber eher einen gegenteiligen Effekt: So vergeht manchen Schülern die Lust, wenn sie in eine Hochbegabtenklasse überwechseln, sich hier aber schon bald im unteren Leistungsdrittel wiederfinden. Und viele Migrantenkinder fühlen sich stigmatisiert, wenn sie trotz guter Deutschkenntnisse wieder einmal in den Förderkurs „Deutsch als Zweitsprache“ abgeschoben werden. Oft finden solche Maßnahmen in den Nachmittagsstunden statt, wenn der Biorhythmus der meisten Schüler abstürzt und sich ihre Motivation dem Nullpunkt nähert. Das gut gemeinte Angebot zusätzlicher Förderkurse wird oft als Strafe oder Schikane empfunden. Und auch viele der beteiligten Lehrkräfte stöhnen angesichts solcher Auswüchse der äußeren Differenzierung: „Wir fördern uns noch zu Tode!“

In der Bilanz wird man den individuellen Begabungen und Neigungen unserer Schüler mit den Mitteln der äußeren Differenzierung nicht gerecht. Denn jede äußere Differenzierung bedeutet eine Sortierung und Ausgrenzung der uns anvertrauten Schüler. Läuft die äußere Differenzierung doch immer darauf hinaus, dass

  • sich die Schüler stigmatisiert fühlen, weil sie nicht als ganzheitliche Persönlichkeiten ernst genommen, sondern auf ein einziges Merkmal reduziert werden – von der Hochbegabung bis zur geistigen Behinderung.
  • jede Zuweisung mit einer Bewertung verbunden ist und damit immer wieder Verlierer und Versager produziert werden – deren Motivation bald aufgezehrt ist und deren Selbstwertgefühl dadurch ernsthaft Schaden nimmt.
  • sich in den Klassen und Kursen eine pädagogische Monokultur breit macht, weil die Schüler niemanden mehr haben, dem sie nacheifern können – aber auch niemanden, an den sie ihr Wissen und Können weitergeben dürfen.
  • die Schüler um eine wichtige soziale Erfahrung gebracht werden, weil sie sich immer nur unter ihresgleichen bewegen – und sie keine Chance haben, sich mit jungen Leuten anderer Herkunft, anderer Neigung oder anderer Motivation auszutauschen und diese zu respektieren.

Das Scheitern der äußeren Differenzierung signalisiert auch das Ende einer Illusion. Denn hinter allen Anstrengungen um eine möglichst homogene Lerngruppe steckt ein durchsichtiges Kalkül: Wenn es nämlich gelänge, möglichst viele Schüler gleicher Begabung, gleichen Temperaments und gleichen Leistungswillens in einer Klasse zusammenzufassen – dann würde sich innerhalb einer solchen Klasse jede weitere Differenzierung erübrigen. Dann ließen sich diese Schüler alle über einen Kamm scheren oder über einen Leisten schlagen – je nachdem, welche Handwerkermetapher man bevorzugt. Dann wäre es legitim,

  • wenn sich alle Schüler den gleichen Lerninhalt aneigneten.
  • wenn sie sich alle derselben Methoden bedienten. wenn sie dabei im gleichen Tempo vorgingen.
  • wenn sie sich anschließend der gleichen Prüfung stellten.

Das aber wird immer ein Wunschtraum bleiben, denn ein solches Maß an Gleichförmigkeit lässt sich in unseren Schulen schon lange nicht mehr herstellen. Das Scheitern der äußeren Differenzierung ist deshalb ebenso unumkehrbar wie die Notwendigkeit einer inneren Differenzierung: Weil die Klassen und Kurse unterschiedlich zusammengesetzt sind und weil sich diese Unterschiede nicht einebnen lassen, bedarf es differenzierter Lernangebote. In heterogenen Lerngruppen ergibt es keinen Sinn, alle Schüler dasselbe lernen zu lassen. Hier sind Inhalte und Methoden gefordert, die den unterschiedlichen Begabungen und Neigungen gerecht werden. Und hier muss die Uniformität des Lernens einem differenzierten Angebot weichen.

Viele praxiserprobte Methoden und Techniken für niveaudifferenzierten Unterricht aus Jonas Lanigs Buch "Differenzierung im Klassenzimmer" finden Sie im Bereich "Referendar sein! → Vor der Klasse Methoden".